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Wovon leben die vielen Fische

in zentralamerikanischen Gewässern?

Ein Bericht von Lothar Zenner

So alt wie die Aquaristik ist wohl auch die Frage nach der natürlichen Nahrung unserer Pfleglinge. Sie gipfelt in der oft wiederholten Feststellung, dass man sich angesichts des scheinbar ständigen Nahrungsmangels in vielen tropischen Gewässern fragt, wovon die zahlreichen Arten überhaupt leben. Geht man davon aus, dass diese Erscheinung im tropischen Regenwald Südamerikas extrem ausgeprägt ist, steht man unweigerlich vor einem Rätsel. Da wurden zwar gelegentlich Vorkommen von Tubifiziden oder Süßwassergarnelen gemeldet, auch sollen Mücken und deren Larven zeitweise in großen Mengen für die Ernährung in Frage kommen. Einhellig wird aber bestätigt, dass sie für die ganzjährige Ernährung der Arten wenig Bedeutung haben.
Etwas Licht in das Dunkel brachte nun das Bekanntwerden einer floristisch-faunischen Untersu-chung und Abhandlung der Dinge in den zentralamazonischen Gewässern (Fittkau und Mitarbeiter). Die Wissenschaftler beschreiben die Ergebnisse wie folgt:

Am Untersuchungsort wie auch in anderen weiten Gebieten steht der Artenreichtum der Wirbeltiere (Fische, Amphibien, Reptilien) in besonders krassen Gegensatz zur Arten- und Individuenarmut der Wir-bellosen. Ähnliches gilt auch für das Fehlen der ständig untergetauchten Vegetation! Von beiden, den Wirbellosen und den Wasserpflanzen (samt ihrer faulenden Überreste) lebt aber ein großer Teil der Fische unserer Breiten! So kommen auf vergleichbare Gewässer in Mitteleuropa keine oder nur wenige Arten, am Untersuchungsort aber wenigstens 50, vielleicht auch 80 Arten. Also hieß es, weiter suchen!

Bald fand man heraus, dass es außerdem an den Grundlagen für populationsstarke typische Fischnährtiere fehlt. Die für dieses Phänomen charakteri-stische Abhängigkeitsfolge baut sich dabei etwa so auf: Infolge der außerordentlichen Armut des Bodens, der als Nährstofflieferant nahezu keine Rolle spielt, ist auch der Regenwald ständig auf die Nährstoffzufuhr aus der Atmosphäre angewiesen. Die großen Niederschlagsmengen waschen den Boden aber immer wieder aus und verdünnen den ohnehin geringen Mineralsalz- bzw. Nährstoffgehalt auch in den Gewässern auf ein Minimum. Weiterhin unterbinden starke Anteile von Huminsäuren, aber auch die starke Abschirmung des Sonnenlichtes das Zustandekommen einer für den Aufbau tierischerNahrungsketten notwendigen Primärproduktion. Populationsstarke Nährtiere, wie Kleinkrebse oder Rädertierchen, können sich nicht nennenswert entwickeln.

So bauen sich die Nahrungsketten auf pflanzlichen und tierischen Material auf, das von außerhalb der Gewässer stammt und von den Fischen direkt genutzt wird. Dabei wirkt die Vielzahl der Fischarten und ihrer Individuen im Ökosystem der Gewässer wie ein "Filter", der sowohl die Anflugnahrung (Insekten, Früchte, Samen usw.) als auch die vom Benthos (=Gewässerboden) produzierte Nahrung (Algen, Detritus usw.) auffängt und einem geschlossenen Kreislauf zuführt.
Die anfallende Nahrung wird dabei vollständig verwertet, so dass keine Reserve übrig bleibt, die z.B. der Unterwasserflora zugute kämen.

Daraus erklärt sich wohl auch das Fehlen echter Wasserpflanzen in den Bächen und Flussläufen des Regenwaldes. Der vollständigen Nutzung des Nahrungsangebotes sowie dem langfristigen Bestehen gleichförmiger Lebensbedingungen wird zudem eine große Bedeutung für die Artdifferenzierung beigemessen. Unter Ausnutzung ökologischer Nischen, auch der im Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser auftretenden Raum- bzw. Flächenveränderung, leben in derartig komplizierten Ökosystemen große Fische von kleinen Fischen, diese von anderer Fische Laich oder deren Nachkommen und wieder andere von anfallenden Leichen. Das von den Wissenschaftlern untersuchte komplexe biozönitische Gefüge eines zentralamazonischen Baches wird daher auf ihre Weise vereinfacht wie folgt charakterisiert: Je mehr Fischräuber, desto mehr Fischarten, je mehr Fischarten, desto mehr Fischnahrung. Nach Ansicht der Wissenschaftler gelten die im Bereich der Gewässer erworbenen Erkenntnisse auch für die Nutzung des Bodens.

Somit funktioniert die artenreiche tropische Flora hier ebenfalls da-durch, dass der Artenreichtum feuchttropischer Lebensräume nicht, wie oft vermutet, Ausdruck eines großen Nährstoffangebotes ist, sondern vielleicht eine Anpassung an kontinuierlichen Nährstoffmangel ist.

 

 

 

 

 

Lothar Zenner


Literatur
1. Braun, R. (1952)Limnologische Untersuchungen zu einigen Seen Im Amazonasgebiet, Schweiz. Zeitschrift für Hydrol. Vol XIV, 1
2. Fittkau, E.J. (1973): Amazonia 4, D 103-133; S. 321-340

3. Sioli, H. (1950): Die Bedeutung der Limnologie für die Erforschung wenig bekannter Großräume zu praktischen Zwecken anhand der Erfahrungen im Amazonasgebiet. Forschungen und Fortschritte, 
4. Heft 21, 22
5. - (1954): Fortsetzung Heft 3, S. 65-72
6. - (1955): Fortsetzung Heft 3, S. 73-84
7. Sioli, S. (Herausg.) ex al. (1968): Biogeography and Ecology in South America. Den Haag

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