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Schwimmwühlen - geheimnisvolle Wesen

Ein Bericht von Uli Körber

Es liegt ca. 10 Jahre zurück, als ich das erste Mal mit den nachstehend beschriebenen Tieren in Kontakt kam. Bei einem Routinebesuch "meiner" Zoohandlung sprach mich der Verkäufer an: "Herr Körber, schauen Sie mal, was wir hier haben". Er führte mich zu einem

Becken, in welchem 10 aalförmige, dunkel gefärbte Tiere von etwa 25 cm Länge herumschwammen. Auf meine Frage, um was es sich bei diesen seltsamen Wesen handle, konnte mir der Verkäufer nur mitteilen, dass die Tiere Bestandteil einer Importsendung aus Südamerika waren und in der Begleitliste als "blinde, schwarze Aale" ausgewiesen wurden. Obwohl diese Informationen äußerst dürftig waren, entschloss ich mich dennoch 2 dieser geheimnisvollen Wesen mitzunehmen. Ich fing mir die Tiere selbst aus dem Becken heraus und achtete dabei darauf, dass die ausgewählten Tiere in der Gestalt so unterschiedlich wie möglich waren, denn ich hoffte damit ein Pärchen zu erhalten - wie sich später herausstellen sollte, war dies dann auch tatsächlich der Fall. 

Zuhause wälzte ich sämtlich mir zur Verfügung stehende Literatur, um herauszubekommen, was ich hier erworben hatte. Wie sich bald herausstellte, waren es zumindest keine Fische. Nach langem Suchen fand ich dann in Eigners "Enzyklopädie der Tiere Band I" einen ersten Hinweis, dort entdeckte ich unter dem Kapitel "Lurche" die Abbildung einer Schwimmschleiche, welche meinen Tieren sehr ähnlich sah. Meine Tiere gehörten also zur Ordnung der Schleichenlurche - auch Blindwühlen genannt. Wie sich anhand weiterführender Literatur dann ergab, konnten meine Tiere der Art Thyphlonectes compressicauda zugeordnet werden und wurden mit dem deutschen Namen Plattschwanz-Schwimmwühlen bezeichnet.

Einen Hinweis, über die Pflege von Schwimmwühlen im Aquarium fand ich allerdings nirgends. Die entsprechende, diesbezügliche Literatur erschien erst später, als ich bereits meine Erfahrungen mit diesen Tieren in einem Haltungs- und Zuchtbericht veröffentlicht hatte. Ich betrat also hier aquaristisches Neuland 

Die Schwimmwühlen setzte ich in ein 250 Liter-Aquarium, in welchem verschiedene Salmlerarten schwammen. Die Temperatur bewegte sich zwischen 24 und 28°C , die Gesamthärte lag bei 9 und der ph-Wert war neutral. Das Becken war dicht bepflanzt mit Anubias-Arten, welche ich epiphytisch auf Wurzeln und mit Saughaltern an den Scheiben angebracht hatte. 

Blindwühlen - zu denen auch die Schwimmwühlen gehören - kommen mit etwa 180 Arten in den tropischen und subtropischen Gebieten Amerikas, Afrikas und Asiens vor. Die meisten Arten leben unterirdisch im feuchten Waldboden, nur eine handvoll Arten - darunter auch die Schwimmwühlen - haben sich das Wasser als Lebensraum erschlossen. Die Tiere besitzen Lungen und nehmen deshalb an der Wasseroberfläche atmosphärisch Luft auf. Allerdings sind sie auch befähigt bis zu 2,5 Std. unter Wasser zu bleiben, denn bis zu 50% des Sauerstoffbedarfs können über die Haut aufgenommen werden. Die Augen sind sehr klein und mit Haut überdeckt, ein visuelles Auffinden des Futters ist damit nicht möglich, dies geschieht mittels des sehr ausgeprägten Geruchssinns. 

Das Becken, in welchem Schwimmwühlen gepflegt werden, muß unbedingt gut abgedeckt werden, denn die Tiere haben gelegentlich das Bestreben an Land zu gehen. Aufgrund ihrer Lungenatmung können sie auch problemlos einige Stunden an Land überleben, zu einem Austrocknen darf es allerdings nicht kommen.

Was das Futter betrifft, so reichte ich meinen Tieren gefrorene Mückenlarven, Bachflohkrebse, Mysis, kleine Garnelen usw., sowie Miesmuschelfleisch, Regenwürmer, Rinderherz, gehackten Tintenfisch, Mehlwürmer, Futtertabletten, Cichliden-Sticks und dergleichen mehr , all dies wurde und wird sehr gierig gefressen. Ich habe niemals bemerkt, dass sie sich an den im Aquarium befindlichen Fischen vergreifen, eine Vergesellschaftung mit kleineren Aquarienfischen ist deshalb problemlos möglich.

Die Plattschwanzschwimmwühle ist im Amazonasbecken und in Guayana-Ländern beheimatet und bewohnt dort vorwiegend ruhig fließende Flüsse und Nebenarme. Gerne hält sie sich in verkrauteten Wasserpflanzenbeständen auf , sowie in Höhlen des schlammigen Uferbereiches.

Schwimmwuehlen_bilde

Die Weibchen erreichen eine Länge bis 55 cm, während die Männchen etwas kleiner bleiben.
Die Geschlechter lassen sich eindeutig an der Kloakenzone unterscheiden. Beim Männchen ist das Schwanzende abgestumpft und die Kloake nach innen eingedellt, außerdem ist sie von einem großen, weißen Fleck umrahmt. Beim Weibchen ist das Schwanzende zugespitzt und der weiße Fleck wesentlich kleiner.

Die Männchen besitzen ein mit Haken versehenes, ausstülpbares Kopulationsorgan. Die Kopulation - welche ich mehrfach beobachten konnte - kann bis zu 1,5 Stunden dauern. Die Trächtigkeitsdauer der Weibchen beträgt etwa 220 Tage, danach werden 1 bis 8 Junge geboren. Die Anzahl der Jungen ist abhängig von der Größe und dem Ernährungszustand des Muttertieres. Bei der Geburt haben die Jungen bereits eine Größe von ca. 15 cm und besitzen 2 durchblutete, lappenförmige Kiemen, welche direkt nach der Geburt, oder in den nächsten 30 Stunden abfallen. Häufig halten sich die Jungen in einem Jungen in einem Knäuel in Schwimmpflanzen an der Wasseroberfläche auf. Obwohl ihnen die Alttiere nicht nachstellen, ist es empfehlenswert, die Jungen zu separieren, einfach deshalb, damit sie ausreichend Futter erhalten. Die weitere Aufzucht ist problemlos.

Hochinteressant ist, dass sich die Föten im Mutterleib nach Aufbrauchen des Dottervorrats selbständig ernähren müssen. Dabei schaben sie mit spatelförmigen Zähnchen Zellgewebe des Muttertieres ab. Diese spatelförmigen Zähnchen werden bei der Geburt abgestoßen
und durch 2 Reihen von spitzen Zähnen ersetzt, welche zum Festhalten lebender Beutetiere ideal geeignet sind.

Übrigens - die Weibchen werden nur alle 2 Jahre trächtig, so dass die Vermehrungsrate bei diesen Tieren nicht allzu hoch ist. Andererseits haben die wenigen Jungen, welche geboren werden, aufgrund ihrer extremen Geburtsgröße sehr gute Überlebenschancen, dadurch sind bei der weiteren Aufzucht kaum Ausfälle zu verzeichnen. 

Aufgrund fehlender Fossilienfunde ist die stammesgeschichtliche Abstammung der Blindwühlen immer noch nicht eindeutig geklärt. Bei einige Arten sind eingelagerte Kalkplättchen in der Haut vorhanden und einige Wissenschaftler deuten dieses Merkmal als Relikt der urzeitlichen Panzerlurche.
Ich pflege zwischenzeitlich eine größere Anzahl dieser interessanten Tiere und züchte sie nunmehr in der vierten Generation nach. Die meisten Aquarienfreunde, welche mir einen Besuch abstatten, stehen fasziniert vor dem Becken mit den Schwimmwühlen und dann kommt die Frage "Was ist denn das ?" - aber so hat die Geschichte bei mir ja auch angefangen.

Uli Körber


Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Norbert SVARDAL, 1.WRN AT/Verein

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